Stena Line 1962

2015-03-13 | Für Schiffsinsider | 1 Kommentar

Aufgrund des großen Interesses unserer Kunden an der Geschichte von Stena Line erscheint hier bereits der zweite Beitrag von Anders Bergenek und Rickard Sahlsten, den Autoren des Buches über die Geschichte der Stena Line ”Stena Line – Historien om ett färjerederi” (zu deutsch: Stena Line – Die Geschichte einer Reederei; nicht erschienen). Man schreibt das Jahr 1962. Die Kubakrise ist im vollen Gang, Schweden gewinnt die Eishockey-Weltmeisterschaft und der Vorläufer der heutigen Stena Line nimmt Gestalt an.
Es ist das Jahr, in dem der Kalte Krieg am kältesten tobt und die Kubakrise die USA und die Sowjetunion an den Rand eines Dritten Weltkrieges führt. Eine militärische Eskalation kann zum Glück abgewendet werden und das Verhältnis zwischen den Supermächten entspannt sich. Marilyn Monroe nimmt sich in Los Angeles das Leben und es scheint, als ob die ”unschuldigen 50er-Jahre” endgültig zu Ende seien. Schweden gewinnt in Colorado Springs die Eishockey-WM und das ganze Land sitzt vor dem Radio und lauscht Lennart Hylands legendärer Moderation über den alles entscheidenden Puck, der ins ”Tooor rutscht”. Hasse Alfredssons und Tage Danielssons Witzfigur ”Valfrid Lindeman” erblickt in der beliebten Revue ”Gröna Hund” (zu deutsch: Der grüne Hund) das Licht der Welt.
In Göteborg wirkt zu diesem Zeitpunkt ein etablierter und erfolgreicher Geschäftsmann namens Sten A. Olsson, der seit 1939 in der Metallbranche tätig ist und die Handelsgesellschaft ”Sten A. Olsson Metallprodukter.” betreibt. Die Firma hatte sich in einer Zeit, in der auf dem Weltmarkt eine enorme Nachfrage nach metallischen Rohstoffen bestanden hatte, rasch entwickelt. 1962 ist ”Stena Metall” schon seit einigen Jahren Direktlieferant der schwedischen Stahlwerke.
Was sicher nur wenige wissen: Sten A. Olsson besaß und betrieb nebenher sieben kleinere Frachtschiffe. Das Unternehmen war also auch in der Schifffahrt kein unbekannter Name, auch wenn Sten A. Olsson damals noch nicht offiziell als Reeder in Erscheinung getreten war. Der Metallhandel machte den überwiegenden Teil seiner Geschäfte aus. 1962 wird die Handelsgesellschaft in Stena AB umbenannt. Die neue Geschäftsadresse lautet von nun an Kaserntorget 6 in Göteborg, aber ein Großteil des Unternehmens wird weiterhin im traditionellen Göteborger Stadtteil Gullbergs Vass belassen.
Die Linie Skagen – Göteborg AS
Der Vorläufer der heutigen Stena Line wird im Spätsommer und Herbst 1962 von Poul Ludvigsen, einem dänischen Geschäftsmann, gegründet, der ein Unternehmen im dänischen Frederikshavn auf Jylland leitet, von wo aus er die Möglichkeit eines Linienschiffsverkehrs zwischen Skagen und Göteborg in Betracht zieht, der so genannten Sessanlinjen. Ludvigsen hatte die Einkaufsgewohnheiten schwedischer Hausfrauen in den dänischen Geschäften analysiert und war zu dem Schluss gekommen, dass die Einrichtung von Geschäften mit einem vergleichbaren Warenangebot auf Autofähren eine lohnende und ertragreiche Investition sei. Aufgrund der Preisunterschiede zwischen Schweden und Dänemark und der damals großzügigen Einfuhrbestimmungen sieht er große potentielle Verdienstmöglichkeiten. Seine Geschäftsidee zielt auf die Einrichtung ein paar einfacher Verkaufsstände auf den Autodecks der Fähren im Linienverkehr Dänemark-Schweden ab, wo dänische Produkte in großen Mengen während der Fahrt zu Niedrigpreisen verkauft werden sollen.
Ludvigsen richtet im Hotel ”Hoffman” in Frederikshavn ein kleines Büro ein und beginnt mit der Suche nach Kapitalgebern, die sein Projekt finanzieren. Er wird bei verschiedenen Personen vorstellig, bevor er letztendlich den Geschäftsmann Ernst Nielsen von seiner Idee überzeugen kann. Gemeinsam gründen Ludvigsen und Nielsen eine Aktiengesellschaft. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich gerade zahlreiche Fähren und Passagierschiffe im Winterlager und die Reederei ”AS DS paa Bornholm af 1866” (kurz: ”66-bolaget”, zu deutsch: Unternehmen 66) in Rönne hat in Gestalt der ØSTERSØEN, Baujahr 1954, ein geeignetes Schiff.
Am 1. August 1962 präsentieren Ludvigsen und Nielsen der Öffentlichkeit in einer Pressemitteilung ihre Idee und kündigen die neue Passagierroute an, die am 28. September unter der Leitung der Firma Skagen – Göteborg Linien AS in Betrieb genommen wird. Der Heimathafen auf dänischer Seite ist Skagen. In Schweden entscheidet man sich für Göteborg, das aufgrund seiner hohen Bevölkerungszahl ein selbstverständliches Ziel ausmacht. Die Überfahrtszeit wird mit 3,5 Stunden veranschlagt. In Göteborg soll jeweils eine Morgen- und eine Abendfähre eingesetzt werden. An Bord der Fähren sollen zwar zollfreie Waren, aber keine frischen Lebensmittel verkauft werden. Diese können bei der Abfahrt jedoch vorbestellt werden und sollen kurz vor der Rückfahrt frei Bord geliefert werden. Auf den Abendfähren soll den Passagieren ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm mit Tanz und Revuen geboten werden, das vom Leiter des Hotels ”Hofman” in Frederikshavn organisiert wird, der zahlreiche bekannte Künstler für Auftritte gewinnen kann.
Ende August zieht sich Egon Pedersen aus dem Geschäft zurück und es kommt sowohl bei der Unternehmensbildung als auch beim Chartervertrag für die ØSTERSØEN zu Problemen. Anfang September springt auch Ernst Nielsen wegen ”Zeitmangels” von dem Projekt ab. Aber Poul Ludvigsen gibt nicht auf. Nach zahlreichen Verhandlungen läuft die ØSTERSØEN am Donnerstag, den 27. September, im Hafen von Skagen ein und Handwerker und andere Beteiligte können ihre Arbeit an Bord aufnehmen. Der vordere Teil des Autodecks soll zu einem Restaurant mit Tanzfläche und Bühne umgebaut werden, während auf dem Achterdeck Spielautomaten und Roulettetische geplant sind.
Aufstieg und Fall
Um 18:00 Uhr am Freitag, den 28. September, nimmt die erste Fähre Richtung Göteborg ihre Fahrt auf. Zur Feier des Tages findet an Bord ein großes Dinner mit 70 geladenen Gästen statt. Ludvigsen hält eine begeisterte Rede über die Linienschifffahrt und deren Zukunft. Er erzählt, dass er die ØSTERSØEN bis zum 15. April gechartert hat.
Die festliche Stimmung hält nicht lange an. Am Samstag läuft die ØSTERSØEN erst um 09:40 Uhr mit einer fast 2-stündigen Verspätung aus. Die Überfahrt dauert 4 Stunden und in Skagen kommt es zu Problemen mit ausgebliebenen Lebensmittellieferungen und unbezahlten Hafengebühren. Die Fähre kann ihre Rückfahrt erst 3 Stunden verspätet antreten. Um 05:00 Uhr früh am Sonntagmorgen gehen in Göteborg wütende und enttäuschte Passagiere von Bord der ØSTERSØEN.
Am nächsten Tag klagen die Angestellten an Bord über ausstehende Lohnzahlungen und erklären, dass sie die Arbeit einstellen, falls die Reederei ihren Zahlungsverpflichtungen nicht unmittelbar nachkomme. Außerdem stellt sich heraus, dass 66-bolaget nicht die Charter-Miete erhalten hat, die laut Vertrag wöchentlich bezahlt werden soll. Die Abfahrt der Morgenfähre wird eingestellt – und da 300 Passagiere ihr Geld zurückfordern, ist die Kasse leer.
Am Nachmittag des 2. Oktober, einem Dienstag, wird um 15:30 Uhr an Bord der ØSTERSØEN eine Pressekonferenz einberufen. Es wird mitgeteilt, dass die Sanierung des Unternehmens missglückt sei. Die Fähre verlässt Göteborg gegen 16:00 Uhr mit Kurs auf Skagen, das man gegen 20:00 Uhr erreicht. Eine halbe Stunde später betreten fünf Anwälte das Schiff und begutachten das vorhandene Inventar, das ihren Gläubigern zusteht. Zwei Tage später sticht die ØSTERSØEN in Richtung Rönne in See. Für die Firma Skagen – Göteborg Linien AS kommt es zu einem langwierigen rechtlichen Nachspiel, in dessen Verlauf sich alle Beteiligten gegenseitig beschuldigen. Aber Poul Ludvigsen lässt sich auch dadurch nicht abschrecken. Er plant bereits seine Rückkehr ins Geschäft.
Sten A. Olsson erscheint auf der Bühne
Bei der Stena AB hatte man schon seit Längerem die Idee des zollfreien Warenverkaufs an Bord der Dänemarkfähren diskutiert. Unter anderem hatte man dabei die hohen Verkaufszahlen auf den Fähren zwischen Schweden und Åland im Blick. Sten A. Olsson hatte erkannt, dass sein Unternehmen ohne Weiteres vergleichbare Gewinnspannen würde erzielen können.
Poul Ludvigsen bittet über die Charteragentur Valdemar Christensen in Kopenhagen um ein Treffen mit Sten A. Olsson. Er hofft, dass dieser bereit ist, in das havarierte Unternehmen zu investieren und die nötigen finanziellen Mittel für eine Sanierung zur Verfügung zu stellen. Im Café Brønnum am Kongens Nytorv in Kopenhagen kommt es schließlich zu einem Treffen zwischen den beiden Akteuren. Ludvigsen legt seine Pläne ausführlich dar. Während des Treffens scheint Sten A. Olsson nicht sonderlich interessiert zu sein, gibt aber Valdemar Christensen nichtsdestotrotz anschließend den Auftrag, die Bedingungen näher unter die Lupe zu nehmen.
Dann geht alles ganz schnell. Sten A. Olsson will die Linie nach Skagen wieder in Betrieb nehmen und trifft mit 66-bolaget ein Abkommen über eine neue Charter der ØSTERSØEN.
 Nach Abschluss der Verhandlungen wird die Presse über die Existenz der neuen Skagenlinjen informiert, die von nun an in der Hand der Stena Line ist, mit Sven Lindholm
som als Direktor und Poul Ludvigsen als Berater, eine Postion, die dieser, wie sich herausstellte, nur kurz bekleiden sollte.
Der Verkehr wird wieder aufgenommen
Am Donnerstag, den 20. Dezember, läuft die ØSTERSØEN gegen 08:00 Uhr morgens wieder im Hafen von Göteborg ein und legt an der südlichen Seite des Stenpiren an. Hinter den Kulissen herrscht geschäftiges Treiben und man rührt mit Werbekampagnen und Anzeigen zum ”Weihnachtsgeschäft” kräftig die Werbetrommel. Auf dem Autodeck der ØSTERSØENs sind Schreiner mit der Aufstellung von Verkaufsständen sowie Tresen für die Zollkontrolle beschäftigt. Abgesehen von einem kleinen Abstellraum auf dem Kai gibt es an Land keine verfügbaren Räumlichkeiten. Alles muss an Bord aufbewahrt werden.
Am Freitag, den 21. Dezember, läuft um 08:30 Uhr die erste ”inoffizielle” Tour nach Skagen vom Stapel: Die Skagenlinjen hat den Betrieb aufgenommen. Nach zwei Stunden Aufenthalt in Skagen nimmt die ØSTERSØEN wieder Fahrt Richtung Göteborg auf und liegt um 18:45 Uhr vertäut am Stenpiren vor Anker. Die Überfahrt ist mit 12-15 Meter Wind pro Sekunde stürmisch und kalt und nur ein Bruchteil der 350 gebuchten Passagiere ist tatsächlich mit an Bord.
 Die Repräsentanten der Reederei müssen ein Klavier, das sich im Speisesaal aufgrund des hohen Wellengangs selbstständig gemacht hat, festbinden. Der für das Einlaufen im Hafen von Skagen ungünstige Südostwind bestätigt, dass die ØSTERSØEN mit ihrer Größe die Hafeneinfahrt gerade noch anlaufen kann.
Am Wochenende zwischen dem 22. und 23. Dezember macht die ØSTERSØEN eine Tages- und eine Abendtour pro Tag. Für das Bordrestaurant ist Kellermeister Yngve Hansson verantwortlich, der zu diesem Zeitpunkt das Restaurant Gottskärs havsbad und den Weinkeller Drufvan in Stockholm betreibt. Da die dänische Besatzung Weihnachten zuhause feiern möchte, nimmt die ØSTERSØEN an Heiligabend Kurs auf Skagen und kehrt erst am 2. Weihnachtsfeiertag nach Göteborg zurück.
Danach wird der der reguläre Fahrplan wieder aufgenommen. Schon Mitte Januar lässt die Skagenlinjen in einer Pressemitteilung verlauten, dass man zwei neue Schiffe angeschafft habe, die im Frühjahr 1963 den Betrieb aufnehmen sollen, und dass man darüber hinaus in Betracht ziehe, im Jahresverlauf weitere Passagierrouten zu eröffnen.
Der Verkehr läuft reibungslos, bis die Reederei aufgrund von Eis im Kattegat am 10. Februar 1963 den Betrieb erzwungenermaßen kurzfristig einstellen muss. Die ØSTERSØEN, die mittlerweile 57 Fahrten zwischen Göteborg und Skagen auf dem Buckel hat, soll am 15.März auf Bornholm wieder an ihren Eigentümer 66-bolaget übergeben werden.
Die Geschäftsidee der Skagenlinjen ist zunächst ziemlich simpel: Die Reederei mietet oder besitzt Frachtschiffe mit niedrigen Fixkosten, die möglichst mit voller Passagierkapazität an Bord in See stechen sollen, damit der Konsum und Warenverkauf an Bord so hohe Gewinne wie möglich bringt. Neben den üblichen zollfreien Waren werden ebenfalls Lebensmittel zum Verkauf angeboten. Natürlich möchte man die Passagiere dazu ermuntern, an Bord zu essen und in den Restaurants und Bars reichlich Speisen und Getränke zu konsumieren. Das Geschäft lebt von den Einkünften, die an Bord erzielt werden. Der eigentliche Fahrkartenverkauf ist für die Gewinnspanne nur von geringer Bedeutung.
In den 60er-Jahren deckt diese Art des Reisens in Schweden einen konkreten Bedarf. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Preise in Schweden deutlich höher. In einem Land, in dem bis Mitte der 50er-Jahre der Konsum von Alkohol durch staatliche Rationierungsvorgaben beschränkt gewesen war, betrachtet man vor allem die Möglichkeit, Alkohol billig einzukaufen, als eine Frage der persönlichen Freiheit. Sten A. Olsson macht es genau richtig, als er 1962 die Skagenlinjen ins Leben ruft. Wer konnte damals ahnen, dass er den Grundstein für ein Unternehmen gelegt hatte, das sich unter dem Namen Stena Line zu einer der größten Fährreedereien der Welt entwickeln sollte? /Anders Bergenek und Rickard Sahlsten.
Wir hoffen, dass ihr diesen Beitrag genauso interessant und informativ gefunden habt wie wir. Hinterlasst gerne einen Kommentar, wenn es etwas gibt, über das ihr mehr erfahren möchtet. Der nächste Beitrag wird sich eingehender mit unserer ersten Fähre der ØSTERSØEN befassen. /Ylva.

PS. Wenn ihr mehr aus der Feder der Herren Bergenek und Sahlsten lesen möchtet, dann findet ihr hier das oben erwähnte Buch der beiden Autoren über die Geschichte der Stena Line auf Schwedisch Stena Line- Historien om ett rederi Rickard ist außerdem Vorsitzender des Yachtclubs Klubb Maritim Göteborg, der unser Archiv verwaltet.

Karla Banitz

  • Koukou says:

    I’ve just taken a look, and I love your new blog! I love A Polar Bear’s Tale, too. Thank you for everything you share with us. Your work and care is aceappirted.

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