Man schreibt das Jahr 1965…

2015-09-03 | Für Schiffsinsider | Keine Kommentare

1965 ist ein äußerst ereignisreiches Jahr in der Geschichte der Reederei. Es beginnt mit der Entscheidung, den Betrieb einer der Passagierschiffsrouten ab Göteborg einzustellen. Der Schiffsverkehr zwischen Göteborg und Sandefjord hatte im Jahr zuvor eine spannende neue Reisemöglichkeit für Göteborger und Norweger eröffnet. Allerdings sind den Politikern die so genannten „Alkohol-Expresse” über den Skagerrak ein Dorn im Auge. Die schwedischen und norwegischen Finanzministerien handeln schnell und ergreifen die entsprechenden Maßnahmen. Schon am 1. März 1965 werden die Vorschriften geändert. Von nun an wird der Linienverkehr als mittellange Strecke eingestuft, was sich auf die Einfuhrbestimmungen auswirkt und das Einfuhrrecht deutlich begrenzt. Mit Inkrafttreten der neuen Regelung ist die Verbindung nach Norwegen nicht mehr länger profitabel und Ende Februar 1965 tritt die WAPPEN ihre letzte Überfahrt nach Sandefjord an.
Andere Passagierschiffsrouten laufen deutlich besser. Das beliebte Schiff POSEIDON verkehrt während der Winter- und Frühlingsmonate weiterhin auf der Strecke Göteborg – Frederikshavn. Die Tage der POSEIDON sind jedoch gezählt, da im Sommer 1965 eine Autofähre den Betrieb auf der Strecke aufnimmt. Die bei Passagieren beliebte Route Lysekil – Skagen wird während der Sommermonate, in denen viele Touristen ins schwedische Bohuslän kommen, von der SKAGEN II bedient.
Eine weitere Passagierschiffsroute, die sich 1965 rentiert, ist die Strecke zwischen Trelleborg und Kopenhagen. Allerdings werden immer wieder andere Schiffe eingesetzt, was zur Folge hat, dass der Linienverkehr zwischen März und Dezember 1965 mal von der POSEIDON, mal von der GORCH FOCK und dann wieder von der AFRODITE bedient wird.
Die erste STENA DANICA
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Bereits 1963 hatte die technische Abteilung der Stena Line unter Vorsitz des leitenden technischen Offiziers Helge Olofsson mit Plänen und Zeichnungen für moderne Autofähren auf den Dänemark-Routen begonnen. Ein Jahr später – genauer gesagt im Februar 1964 – kam es zum Vertragsschluss mit der französischen Werft Ateliers et Chantiers de la Seine-Maritime in Le Trait in der Nähe von Rouen über den Bau von zwei modernen Fähren. Als Liefertermin einigte man sich auf das Frühjahr 1965.
Gleichzeitig mit der Inbetriebnahme der neuen Autofähre ändert die Reederei ihren Namen von Skagenlinjen zu Stenalinjen. Die Schiffe führen weiterhin die elegante Schornsteinmarke und die Farbgebung der Schiffe der Skagenlinjen. Die Bezeichnung Stena Line sollte erst im April 1967 aktuell werden.
Am 25. Juni 1965 absolviert die erste Lieferung der französischen Werft in Gestalt der STENA DANICA ihre Jungfernfahrt, welche in der Folgezeit auf der Strecke Göteborg – Frederikshavn verkehrt, mit zwei Fahrten in jede Richtung. Dieses Schiff sollte sich für die Sessanlinjen als eine ganz neue Art der Bedrohung erweisen. Von nun an konkurrieren die Reedereien um denselben Kundenstamm und vor allem um dieselbe Fracht. Für die Stenalinjen stellt es sich als Problem heraus, dass ihr Ankerplatz – der Stenpiren in Göteborg – nicht als Umschlagplatz für ein großes Kontingent an LKWs und PKWs geeignet ist. Nach dem Ablegemanöver vom Stenpiren muss die STENA DANICA daher den Sannegårdshamnen in Göteborg anlaufen, wo sie PKWs und LKWs an Bord nehmen kann.
Die Stenalinjen bringt das Unterhaltungsprogramm für ihre Passagiere in der Folgezeit auf ein gehobeneres Niveau. Sie macht Werbung mit der Top Floor Bar an Bord ihres Schiffes, serviert im Restaurant ein exklusives „Kattegat-Dinner“ mit Lachstoast, Chateaubriand und Moulin Rouge zum günstigen Preis von 12 Schwedischen Kronen und bietet Glücksspiele in Form von Roulette und Bingo an. Während der gesamten Überfahrt sind die Lebensmittelgeschäfte und der zollfreie Warenverkauf an Bord geöffnet. Dieses vielfältige und abwechslungsreiche Angebot macht nicht nur der Sessalinjen Konkurrenz, sondern auch den Unterhaltungsmöglichkeiten an Land. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass eine moderne „Fähren-Bewegung” entstanden ist.
The Londoner
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Typisches Merkmal des Stena-Konzerns ist, dass die Schiffe nicht immer wie geplant eingesetzt werden. Im Juni 1965 wird ein Schwesternschiff der STENA DANICA mit Namen STENA NORDICA geliefert. Offenbar scheint die Reederei zu dem Zeitpunkt der Meinung zu sein, dass die finanziellen Mittel für den Betrieb von zwei Autofähren auf der Strecke nach Frederikshavn ausreichen.
Zuvor hatte man angekündigt, dass die neue Fähre auf der Strecke Nakskov – Kiel eingesetzt werden sollte. Kurz darauf stand ihr Einsatz auf der Route Göteborg – Sandefjord zur Debatte. Im Vorfrühling 1965 war kurzzeitig die Strecke Stockholm – Nådendal diskutiert worden. Zum Schluss einigt man sich darauf, dass die STENA NORDICA eine neue Route auf dem Ärmelkanal zwischen Tilbury und Calais bedienen wird. Die an der Themsemündung in der Nähe von London gelegene Stadt Tilbury stellt für die Franzosen ein attraktives Reiseziel dar. Die britische Hauptstadt bietet ein enormes Reisepotential. Tilburys Lage am nördlichen Themseufer macht die Strecke auch für Autofahrer aus Großbritannien attraktiv, die aus den Gegenden nördlich von London anreisen.
Stena nennt die neue Strecke und ihre Fähre „The Londoner”. Der Name knüpft einerseits an die britische Bezeichnung für die Bewohner der englischen Hauptstadt und andererseits an den britischen Song „Maybe it’s because I’m a Londoner” an, der damals in aller Munde ist. Die Tatsache, dass die Strecke als Sommerroute eingerichtet wird, zeigt, dass die Reederei diese neue Verbindung in erster Linie als Passagierroute für Urlaubsreisen und Tagesausflüge betrachtet.
Neben den Einnahmen durch den Fahrkartenverkauf rechnet man, genau wie auf den skandinavischen Routen, mit Einnahmen durch den zollfreien Verkauf, das Speise- und Getränkeangebot an Bord sowie die Unterhaltungsmöglichkeiten wie Roulette oder Bingo. Man geht jedoch von vornherein davon aus, dass der Umsatz nicht so hoch ausfallen wird wie beispielsweise auf der Strecke Göteborg – Frederikshavn.
Am 30. Juni 1965 beginnt die STENA NORDICA ihre Karriere als „The Londoner” mit einer Riesenparty für 700 geladene Gäste auf der Themse unterhalb der Tower Bridge. Solche Events waren damals für bedeutende Schiffe, die für den Linienverkehr in Großbritannien eingesetzt wurden, durchaus üblich. Sie sollten in den Londoner Medien für Aufmerksamkeit sorgen und das Interesse der Öffentlichkeit erregen.
In den kommenden 3 Monaten bis Anfang Oktober 1965 geht der Linienverkehr planmäßig vonstatten. „The Londoner” erfüllt die Erwartungen und erweist sich als profitabel genug, um die Strecke im nächsten Jahr aufrechtzuerhalten.
Neue Routen ab Stockholm
Aufgrund des stetig wachsenden Personenverkehrs auf den Routen des Unternehmens beschließt Stena, das Hauptaugenmerk auf Strecken zu legen, die das ganze Jahr über bedient werden können. Sten A. Olsson sieht Mitte der 1960er-Jahre ein großes Potential in Unterhaltungsreisen auf die finnischen Åland-Inseln. Ausgangspunkt soll das weitläufige Stockholmer Gebiet mit seinen fast 1 Million Einwohnern sein. Da der Linienverkehr von Göteborg nach Dänemark zu diesem Zeitpunkt mittlerweile von modernen Autofähren bedient wird, stehen erstklassige Schiffe für neue Routen zur Verfügung.
Unterhaltungsreisen nach Åland, wie man sie heute kennt, gab es damals noch nicht. Der existierende Personenverkehr ist auf die Sommermonate begrenzt und richtet sich an ein gesetzteres Publikum, das vor allem im Rahmen organisierter Gruppenreisen mit dem Bus nach Stockholm anreist. Das Unterhaltungsprogramm, das auf den Schiffen geboten wird, beschränkt sich größtenteils auf Kartenspiele. Es können Getränke konsumiert werden und als musikalische Untermalung dienen Akkordeonklänge. Einkaufsmöglichkeiten sind nur begrenzt vorhanden. Eine Marktlücke, die Stena vielfältige Möglichkeiten lässt, sie mit einem umfassenden Konzept für ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm und den Konsum und Verkauf an Bord ihrer Schiffe zu füllen.
Im Februar 1965 beginnen Gespräche mit der Verwaltung des Stockholmer Hafens über einen Kaiplatz für das Passagierschiff HELGOLAND, das täglich im Personenverkehr auf der Route Stockholm – Mariehamn verkehren soll. Künftiger Ankerplatz in Stockholm ist der Kaiplatz 8/9 am Stadsgården-Terminal in der Nähe von Slussen. Am 23. März wird der Personenverkehr mit der HELGOLAND eingeweiht, die man in der Zwischenzeit auf den Namen „Jätten Finn” getauft hatte. Am 30. April wird die HELGOLAND von der WAPPEN, die bis dato auf den Norwegen-Routen im Einsatz gewesen war, abgelöst. Auch die WAPPEN trägt fortan auf der Strecke nach Mariehamn den Namen „Jätten Finn”. Mit ihren 22 Knoten ist sie das schnellste Passagierschiff auf der Ostsee. Ihre Kapazität ist auch nicht zu verachten – 1 700 Passagiere finden an Bord Platz. Das Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten. Die Passagiere kommen in Scharen, um mit diesem imposanten Schiff nach Åland zu reisen, auch wenn sich das Stockholmer Publikum nicht so leicht beeindrucken lässt wie die Göteborger.
Es waren wohl kaum die Pläne für den künftigen Einsatz von Autofähren, die dazu führten, dass die STENA NORDICA, nachdem sie ihre erste Saison als THE LONDONER beendet hatte, Anfang Oktober nach Stockholm kommt, um die WAPPEN im Linienverkehr nach Mariehamn zu ersetzen. Vielmehr wollte die Reederei testen, welches Potential der Linienverkehr aufs finnische Festland zu bieten hatte. Die WAPPEN bedient von nun an unter dem Namen „Mac Finn” die Route Stockholm – Turku (schwedisch: Åbo).
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Sie ist schnell genug, um von Stockholm morgens um 09:00 Uhr in See stechen zu können und schon am nächsten Tag morgens um 07:00 Uhr wieder im Stockholmer Heimathafen vor Anker zu liegen. Turku wird bis zum 13. Dezember 1965 angelaufen, der Hafen von Mariehamn kann bis Weihnachten bedient werden, dann ist an eine Fortsetzung des Linienverkehrs aufgrund des strengen Winters nicht mehr zu denken. Die Route nach Turku wird komplett gestrichen, die Route nach Mariehamn bleibt weiterhin bestehen.
Starke Konkurrenz auf den Routen nach Kiel
Am 1. Januar 1965 führt die dänische Regierung eine 3-Tage-Regel für die Einfuhr zollfreier Waren ein. Eine Maßnahme, die für die Pläne der Stena nicht ohne Folgen bleibt. Im Februar 1965 verkündet eine Zeitungsmeldung, dass in einer französischen Werft eine neue Fähre für die Route Nakskov – Kiel gebaut wird, die im Sommer den Betrieb aufnehmen soll. Bereits Ende März weiß die Presse zu berichten, dass auf der Strecke Nakskov – Kiel keine französische Fähre zum Einsatz kommen wird, sondern dass man in Norwegen stattdessen an einem Schiff mit dem Namen STENA BALTICA arbeitet, das den Personenverkehr auf der Strecke Nakskov – Kiel – Fåborg bedienen soll.
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Die ISEFJORD, die bis dahin zwischen Naskov und Kiel verkehrt ist, soll in Zukunft die neue Strecke Malmö – Kopenhagen übernehmen. Der Bau des neuen Schiffes in der norwegischen Werft verzögert sich jedoch und das Schiff wird erst ein Jahr später geliefert. Aus diesem Grund wird die ISEFJORD 1965 weiterhin auf der Route Nakskov – Kiel eingesetzt.
Trotz Zollbeschränkungen darf das Passagierschiff AFRODITE während der Sommermonate weiterhin in der südlichen Ostsee bleiben und den Linienverkehr zwischen Fåborg und Flensburg bedienen.
Der Konkurrenzkampf auf der Kiel – Route wird im Verlauf des Jahres 1965 immer härter. Eine noch junge deutsche Reederei nimmt mit einer neuen Fähre den Betrieb zwischen Bagenkop in Dänemark und Kiel auf. Die schwedische Reederei Skandinavisk Linietrafik, die zum Svea-Konzern gehört, ist mit der Route Korsör – Kiel ebenfalls auf diesem Streckenabschnitt tätig und kann ihr Kontingent im Frühjahr 1965 sogar mit einer zweiten gecharterten Fähre erweitern. Der Stena-Konzern reagiert mit der offiziellen Niederlegung der Route Nakskov – Kiel und die ISEFJORD wird zum Verkauf angeboten. Im Herbst 1965 spricht man den Angestellten auf dänischer Seite die Kündigung aus.
Am Ende der Sommersaison wird die ISEFJORD im September aufs Trockendock gelegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Stena aus dem deutschen Hafen zurückzieht. Für das nächste Jahr plant die Reederei bereits eine Route zwischen Göteborg und Kiel.
Text: Anders Bergenek und Rickard Sahlsten

Karla Banitz

ist Produktmanagerin. Sie kennt sich gut in Skandinavien aus und berichtet hier über Sehens- und Wissenswertes rund um Stena Line und Reiseziele. Sie freut sich über Fragen und Kommentare.

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