Naturhistoriska Museum in Göteborg

Linnéplatsen

2017-03-29 | 50 Jahre Kiel-Göteborg | 1 Kommentar

Begleitet Jonathan S. auf seinem Tag durch Göteborg. Der 14-jährige weiß schon ganz genau, wo seine Interessen liegen und schildert euch äußerst unterhaltsam seinen Erlebnisse in der schwedischen Metropole.

An dem Wochenende, an dem wir mit Stena Line einen Minitrip nach Göteborg machten, war Papa krank. Auf dem Weg nach Kiel hustete er, trank heißen Pfefferminztee mit Rapshonig aus seinem Thermobecher und drehte die Heizung auf dem Beifahrersitz auf volle Pulle. In unserer Familienkabine bezog Papa das Doppelbett unten rechts, das er die nächsten beiden Tage nur noch verließ, um sich zum skandinavischen Büffet zu schleppen. Mama nahm das andere Bett ihm gegenüber und sagte, er hätte ganz sicher den gefährlichen Männerschnupfen.

Das Blöde war, dass wir in Göteborg zusammen ins ‘Stadsmuseum‘ gehen wollten. Dort gibt es das einzige erhaltene Wikingerschiff Schwedens zu sehen. Wir haben schon viele dieser Schiffe gesehen, in Haithabu, Birka, Jelling und sonstwo, aber das in Göteborg kannten wir nicht. “Bringt mir von eurem Ausflug in die Stadt nur irgendwas mit Wikingern mit”, hatte Papa deshalb gejammert. Wenn man nämlich etwas ohne ihn unternimmt, das auch ihm Spaß machen würde, ist er immer ein bisschen beleidigt. Also war klar, dass wir uns ein anderes Ziel in Göteborg suchen mussten.

Am nächsten Morgen sind Mama und ich zur Rezeption der Stena Germanica gegangen. Dort haben sie uns beraten: Tageskarte, Straßenbahnnetz, Wassertaxi, Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, Prospekte. Wir haben uns aufs Sofa gesetzt und mit meinem iPad online die Sehenswürdigkeiten von Göteborg recherchiert. Wie das so ist, wenn man viele Möglichkeiten hat, konnten wir uns erst nicht entscheiden.

Ich will Biologe werden, seit ich klein bin. Irgendwann habe ich deshalb Mama überreden können, dass wir ins Naturhistorische Museum gehen. Wir haben uns den Ort auf der Karte zeigen lassen und die passenden Straßenbahnlinien rausgesucht. Und dann haben wir Papa Vorräte in die Kabine gebracht wie Halsbonbons, Wasser, etwas zu Lesen, und sind von Bord gegangen. Der Himmel über Göteborg war blau, die Luft frisch, die Sonne schien. Es war herrlich.

Unsere Bahn kam sofort. Es war das erste Mal, dass ich mit einer Straßenbahn gefahren bin. Wir haben unsere Tickets entwertet, uns ans Fenster gesetzt und die Stationen bis zum Umsteigen gezählt. Am Olof Palmes Plats mussten wir nach dem Weg fragen. Mama hatte gesagt, ich sollte mich um die Anreise zum ‘Naturhistoriska Museum‘ kümmern. Wir wohnen auf dem Land und sie findet, dass ich zu selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre. Orientierung sei etwas, das man üben müsse. Meine Eltern kommen aus der Stadt, die finden solche Sachen wichtig. Jedenfalls habe ich eine ältere Schwedin gefragt, und sie hat uns gezeigt, in welche Richtung die Bahn zum Museum abfährt. Mit der ging es noch mal ein paar Stationen weiter durch menschenleere Wohnstraßen.

Wir stiegen an einem großen Platz aus, dem Linnéplatsen. Carl von Linné war ein schwedischer Naturforscher, auf dessen Einteilung von Pflanzen, Tieren und Mineralien unsere heutigen Verzeichnisse basierten. An einer Ecke des Linnéplatsen lag ein japanisches Restaurant, ‘Ramen-Ya’, das habe ich mir zur Orientierung gemerkt, ich liebe Nudelsuppen. Natürlich war die Küche noch geschlossen, es war früh am Morgen.

Das Naturkundemuseum lag über uns auf einem Berg. Die Treppe dort hinauf wand sich seitlich den bewachsenen Felsen hoch. Der Aufstieg war überraschend anstrengend. Oben angekommen stellten wir keuchend fest, dass wir eine gute Stunde zu früh dran waren. Wir haben ein paar Fotos gemacht und wussten dann nicht so recht, was wir tun sollten, außer zu warten. Wir entschieden uns, in den Park zu gehen, der unterhalb des Naturkundemuseums liegt, einfach um in der Kälte in Bewegung zu bleiben.

Der Park heißt ‘Slottsskogen‘, Schlosswald, und er ist, wie wir hinterher erfahren haben, ein Erholungsgebiet der Göteborger, und das sogar im Winter. Ein Schloss haben wir nicht gesehen, auch nicht den botanischen Garten oder den Tierpark, für die der Schlosswald bekannt ist. Dafür kamen wir direkt auf ein Labyrinth zu, das ich gleich ausprobiert habe. Dahinter liegt der Abenteuerspielplatz Plikta. Ich bin mit 14 Jahren eigentlich zu alt für Spielplätze, aber hier hatten sie klasse Geräte aufgestellt, darunter eine Rutsche, die den Berg runterging, einen Kletterwal, in den Boden versenkte Trampoline und eine echte Zip Line. Es gibt sogar eine Ausleihstelle für Laufräder und andere Spielsachen für die Kleinen. Man nimmt sich, was man braucht, und packt es danach wieder zurück.

Erstaunlich fanden wir, wie viele Familien hier frühmorgens unterwegs waren, die Kinder verpackt in Schneeanzügen, die Eltern in praktischer Outdoor-Kleidung. Meiner Mama wurde es beim Warten kalt in ihrer Jeans, und wir gingen weiter, den gegenüberliegenden Berg hoch. Hier gibt es eine Fitnessecke, wo zwei Jogger an Gerüsten Klimmzüge machten. Ich war bei weitem nicht der Älteste auf diesem Spielplatz!

Wir gingen weiter und fanden einen Aussichtspunkt, von dem aus man die Stadt sehen konnte und den Fluss Göta älv dahinter. Dann gingen wir weiter zu einem Turm, den man aber nicht besteigen konnte, und schlenderten anschließend wieder zurück zum Naturhistorischen Museum.

Dort standen nun schon viele Eltern mit ihren Kindern vor dem Eingang. Ein Plakat machte Werbung für eine ornithologische Wanderung, aber wir entschlossen uns, diese auszulassen, da wir kein Schwedisch sprechen. Außerdem waren wir die einzigen, die nicht von oben bis unten in Fjällräven gekleidet waren, es wäre sehr kalt geworden.

Wir haben uns dann stattdessen im Museumsrestaurant Kuchen geholt und Kaffee und Kakao dazu getrunken. Eigentlich haben wir das gemacht, damit wir Wechselgeld für den Schrank bekommen, aber es war eine gute Idee, um sich aufzuwärmen. Wir saßen am Fenster mit Blick über den Park, draußen in den Bäumen sausten die Eichhörnchen herum. Die Ornithologen am Nebentisch haben uns angesprochen, sie dachten bestimmt, wir seien für die Vogelführung gekommen. Sie stellten bald fest, dass wir die Sprache nicht sprechen, zeigten uns aber trotzdem einen Vogel draußen am Baum, einen Kleiber.

Wir konnten uns so viele Getränke vom Büffet nehmen, wie wir wollten, aber wir haben nur eine Tasse zum Aufwärmen getrunken und dann einen Abstecher in den gut ausgestatteten Museumsshop gemacht. Wikingerkram hatten sie da natürlich gar nicht, aber reichlich Dinge rund um Natur und Umwelt, Kleidung sowie Dinge zum Wohnen. Es waren schöne Sachen in skandinavischem Design dabei, aber Mama hat gesagt, wir schauen erst mal die Ausstellung an.

Da wir die Schilder nicht lesen konnten, haben wir erst gar nicht begriffen, dass die erste Ausstellung eine Kunstausstellung war. Da waren Tiere ausgestellt aus Gummireifen, Angelschnur, Dosen, im weitesten Sinne aus Müll. Es dauerte eine Weile, bis wir die Ästhetik verstanden, und dann hat es uns aber super gefallen.

Die Sammlungen des eigentlichen Naturhistorischen Museums sind traditionell, also nachgebildet, getrocknet, in Alkohol eingelegt, ausgestopft. Was mir gut gefallen hat, war, wie vollständig die Sammlungen waren. Viele Museen, die ich kenne, stellen nur einen kleinen Teil ihrer Exponate aus, und hier zeigten sie teilweise ganze Reihen der gleichen Art. Großartig ist die Halle mit den ausgestopften Tieren, die Taxidermie ist sehr gut gemacht. Es gibt auch eine große Vogelschau. Insekten, mein Spezialgebiet, gibt es nur wenige, dafür eine beeindruckende Sammlung aus dem Bereich der Meeresbiologie.

Was mir aufgefallen war, ist, dass es wenig Angebot für jüngere Kinder gibt. Die meisten modernen Museen bieten Wissenschaft zum Anfassen an, im Naturhistorischen Museum von Göteborg bietet dies nur der Saal mit den Walen. Hier waren aber einige Exponate kaputt und ließen sich nicht bespielen. Das Konzept scheint sich in dem Museum noch nicht durchgesetzt zu haben. Das hält aber die schwedischen Kinder nicht davon ab, in großen Gruppen das Museum zu besuchen und ihre Nasen an den Scheiben plattzudrücken. Wir haben auch zwei, drei Studenten gesehen, die Skizzen von den Ausstellungsstücken anfertigten. Ob das nun Biologiestudenten waren oder angehende Künstler, weiß ich nicht, ich habe nicht gefragt.

Nach zwei Stunden wurde es voll im Museum. Als wir wieder hinunter in Richtung Ausgang gingen, war im Restaurant jeder Platz besetzt, manche sogar doppelt mit Geschwisterkindern. Von der Ruhe mit den Eichhörnchen am Morgen war nichts mehr übrig. Wir haben uns dann schnell noch einmal die Tiere aus Müll angeschaut, weil uns die Ausstellung so sehr gefallen hatte. Gekauft haben wir dann im Museumsshop leider nichts, obwohl ich gern einen Deko-Vogel aus Holz gehabt hätte, aber Mama sagte, ich hätte mein ganzes Zimmer voll mit diesem Zeugs, und wenn, dann würden wir etwas für Papa kaufen.

Wir sind also den Berg wieder hinuntergestiegen, und Mama hat auf ihre Uhr geschaut, 12:57, und gesagt, es wäre doch klasse, wenn das Suppenrestaurant inzwischen geöffnet hätte. Wir haben also den Platz überquert und genau in dem Moment, in dem wir die Tür zu ‘Ramen-Ya‘ aufmachen wollten, haben sie von innen aufgeschlossen. Es ist ein hübsches Restaurant, hell, freundlich, mit aufgearbeiteten alten Wänden und einem großen Aquarium an der hinteren Seite. Wir haben uns ans Fenster in die Sonne gesetzt und Suppen und Tee bestellt. Noch während wir auf unsere Getränke warteten, füllte sich der Laden, und bevor unsere Suppen kamen, waren alle Tische besetzt. Entweder ist Göteborg übervölkert, oder wir haben ein Gespür dafür, was den Schweden in ihrer Freizeit gefällt.

Die Suppe war superlecker. Am besten gefallen hat mir, dass man einen Topf mit frischen Knoblauchzehen bekommen hat. Mit einer Knoblauchpresse konnte man sich den direkt in die Suppe pressen. Papa isst unter der Woche keinen Knoblauch, weil sie das im Büro nicht mögen, und er hasst es, wenn ich viel davon esse, vor allem, wenn wir ein kleines Zimmer teilen. Aber er hatte ja den gefährlichen Männerschnupfen. Also habe ich zugeschlagen und drei große Zehen genommen.

Zurück sind wir die Linnégatan hochgelaufen, wir wussten ja nun, in welcher Richtung der Hafen lag. Der Stadtteil Linnéstaden gehört zum Zentrum Göteborgs. Die Linnégatan ist bekannt für ihre kleinen Geschäfte und die vielen Restaurants mit Außenbedienung. Vor einem Eisladen saßen dutzende Leute in der Sonne und löffelten Eis. Wir haben uns ein paar Geschäfte angesehen, aber nichts gekauft. Es war voll im Viertel Linnéstaden, Leute auf der Straße mit Einkaufstüten, Hunden am Band, in Grüppchen am Straßenrand, Studenten, auch viele Kinder. Man ist dort vor allem mit der Straßenbahn oder zu Fuß unterwegs. Dieses Gewusel in Linnéstaden hat mir gut gefallen. Vielleicht bin ich doch nicht so ein Landei, wie meine Eltern sagen.

Papa hat sich gefreut, als wir wieder da waren, und er fand es nicht schlimm, dass wir ihm nichts mitgebracht haben. Ich habe mich dann an die Rezeption gesetzt und die Uni von Göteborg gegoogelt. Die ‘Göteborgs universitet‘ ist eine der größten Unis Skandinaviens und halb so groß wie die Universität Hamburg. Es gibt ein naturwissenschaftliches Institut. Sie nehmen ausländische Studenten an. Es ist noch ein bisschen hin bis zu meinem Studium, aber es schadet ja nichts, wenn man sich informiert. Ich habe die Berichte von Studenten aus Deutschland gelesen und gedacht, ich könnte mir nach dem Besuch in Göteborg auch sehr gut vorstellen, dort eine Weile zu wohnen. Die Verbindung mit der Fähre ist perfekt, ich könnte meine Sachen packen und direkt hinfahren.

Ausgeruht und zufrieden kamen wir am nächsten Tag wieder in Kiel an. Papa ging es kein bisschen besser. Der Männerschnupfen stellte sich im Nachhinein als echte Grippe heraus, und einen Tag später lagen auch Mama und ich flach.

Wart ihr auch schon mal im naturhistorischen Museum in Göteborg oder mit euren Kindern auf dem Abenteuerspielplatz Plikta? Teilt eure schönsten Erlebnisse auf www.Stena-Stories.com/de mit uns. Unter allen Teilnehmern verlosen wir 10 Minitrips nach Göteborg. Einsendeschluss ist der 31.3.2017.

Karla Banitz

  • Besser-Kunze, Gundel says:

    Lieber Jonathan, das hat echt Spaß gemacht, deine Göteborger Erlebnisse mit dir zu teilen.
    Du hast einen wunderbar erfrischenden und humorvollen Stil.

    Übrigens, fang schon mal an, Schwedisch zu lernen. Das ist eine schöne, melodische Sprache,
    und wenn man Deutsch und Englsch kann, gar nicht so schwer.
    Lycka till! G.

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